Der Meister und seine Malschülerinen

Wolken

Gewidmet dem Dötlinger Maler Georg Müller vom Siel

Von Helga Bürster, 2009

Ich bin eine Wolke. Ich male Landschaften in das Weltall.  Lufträume. Lichtbilder. 

Mein Name ist Georg Müller. Müller vom Siel. Ich bin geboren am 13. Juni 1865. Sternzeichen Zwilling. Ich bin das jüngste von zwölf Kindern. Mit sechs Jahren Vollwaise. Verwandte ziehen mich auf. Ich will nicht Kaufmann werden, fliehe mit fünfzehn nach Amerika. New York. Ich werde Maler.
Ich studiere in München, Antwerpen, Paris. Wieder New York. Dann Berlin. Oldenburg. Dötlingen.

Ich bin eine Wolke. Ein Nomade des Himmels. Ruhelos durchstreife ich die Welt auf der Suche nach Licht. In der Geest mache ich reiche Beute. Lauter kleine Lichtsensationen warten hier, die Sonne malt sie in die Baumkronen, in die Heide, in das Wasser der Hunte. Illuminierte Einsamkeit. Ich ziehe als Wolke über sie hinweg, durch sie hindurch. Sie labt meinen auffliegenden Geist. Die Geest ist Seelenbalsam. Ich brauche sie, muss sehen, sehen, sehen. Jedes kleine Wunder. Den Schatten, den eine Mücke wirft.

Ich ziehe 1896 nach Dötlingen. Villa Meineck. Malschule für Frauen, Künstlertreffpunkt. Frauen umgeben mich. Ich liebe Frauen. Und Männer. Ich fürchte sie.
Die kulturelle Crème de la Crème kommt zu Besuch: Georg Ruseler, Arthur Fitger, Ludwig Fischbeck, Marie Stein-Ranke, Marie Stumpe, Hermann Allmers. Ich male den Kaiser in Berlin und reise in der Welt herum. Ich bin etabliert. Ich komme nicht zur Ruhe.

Ich bin ein löchriger verhangener Himmel, durch den nur hier und da das Weltall blass hindurchscheint. Ich reiße die Augen auf, suche die Sonne nach Wundern ab. Ich blicke in ihr heißes Gesicht. Gegenlicht brandet in meine wunden Augen und stillt meinen Lichthunger für einen köstlichen Moment. Es schmerzt. Der Vorhang fällt. Ich falle ins Dunkel.

Wieder male ich den Kaiser. Zum dritten Mal. Ich brauche Geld. Ich brauche Ruhe. Gott! Immer sind da Leute um mich herum. Alle wollen etwas von mir.  Arbeiten. Ich muss so viel arbeiten. Ist das mein Leben? Ich bin pleite.

Ich bin eine dicke Regenwolke. Ich hänge schwer über Dötlingen, über Meineck. Mein Eck. Meine Ecke in der Welt. Da malen Frauen in meinem Garten. Ich lehre sie, das Licht zu ernten.  Ich regne auf sie nieder, bin viele Wasserperlen auf der Heide. Ameisen trinken von mir.
Ich falle auf den Boden, schreie obszöne Worte, fresse Geestsand.  Zack, da geht die Klappe zu, Irrenhaus.

1909 Einweisung nach Wehnen durch Pastor Müller. Mein Bruder überstellt mich am 20. April den Irren-Ärzten. Befund: Schizophrenie. Verpflegungsstufe 2. Nicht drei. Vorerst darf ich überleben. 
Ich will allein sein. Ich schreie mir alle vom Leib.

Ich bin eine schwarze Gewitterwolke. Ich sturzregne hinter Mauern. Ich donnere jeden an, der mir zu nahe kommt. Ich schleudere Blitze in die verkniffenen Mäuler, die mir gestern noch zugejubelt haben. Jetzt ist der geniale Heimatmaler verrückt geworden. Kritzelt Ungeheuerlichkeiten auf Zeitungspapier. Gekreuzigter Jesus.  „Max und Moritz. The Katzenjammer Kids.“

Meine letzten Diagnosen: „Geistig tot. Schwachsinnig. Unverändert verschroben. – Rassisch minderwertig!“
Ab 1932 keine Untersuchungen mehr. Dafür Müller vom Siel Gedenkveranstaltungen in Oldenburg, 1925 und 1935. Gedenken an einen lebenden Toten, während ich in Wehnen verhungere.

Ich bin ein zerfetzter Wolkenfetzen, fetze im Sturm über farblose Landschaften. Ich hungere, male mir Lichtspeise auf Butterbrotpapier. Christbaumkugeln in die Dunkelheit. Ich esse von der Düsternis auf den Fluren und werde so dünn, dass Dämmerungswellen durch mich hindurchschwappen. Ich schreie nicht mehr.
„Der Weltraum ist leer. Die Welle ist in der Erde. Die Welle ist in den Weltkörpern.“ 

In bin nicht schwachsinnig. Ich habe Hunger. Mein Sterben dauert. Ich bin zäh. Licht nährt lange. Mein Tod kommt am 13. Januar 1939.  Ich werde begraben in brauner Erde.

Ich bin eine Wolke in der Geest. Ich verdunste in der Sonne. Ich regne auf euch.

 
 © Dötlingen Stiftung 2017