Der Meister und seine Malschülerinen

Künstlerinnen um 1900

Jürgen Weichardt

Der Erfolg der Dötlingen Stiftung beruht auf Beharrlichkeit, Einfallsreichtum und Kenntnissen - und auf Überraschungen: Zum Beispiel diese Ausstellung: Beharrlichkeit war nötig, um die Bilder zusammenzutragen, sie den widerstrebenden Museen und Sammlern zu entreißen; Einfallsreichtum wurde gebraucht, die Bilder überhaupt erstmal aufzuspüren, sie hängen nur noch selten an öffentlichen Wänden; Kenntnisse waren nötig, um die Zusammenhänge zwischen Dötlingen und Bremen, Oldenburg und Dötlingen, Müller vom Siel und seinen Malschülerinnen zu erkennen und wahrzunehmen, dass sich hier Außergewöhnliches abgespielt hat. Und Überraschungen haben sich ergeben, als die Biografien der ausgewählten Künstlerinnen zueinander in Beziehung gesetzt wurden; denn so ganz entsprach das, was entdeckt wurde, doch nicht den Vorstellungen, mit denen die Zeit um 1900 belegt wird.

Zunächst ist schon die Zahl der Künstlerinnen erstaunlich, die in einem Jahr - 1905 - fast gleichzeitig an der Freiluft- Malschule von Georg Müller vom Siel teilnehmen konnten. Und ebenso ist erstaunlich - keine der Damen, die zum Malen nach Dötlingen gekommen waren, war eine Anfängerin - viele hatten schon gute Ausbildung genossen - wenn sie auch nicht in die Akademien gehen durften, die  für sie noch bis 1920, bis nach dem kommenden Krieg geschlossen waren - aber sie kannten Privatschulen von Akademie-Professoren, die sich Geld hinzu verdienten und den Künstlerinnen Unterricht nach ihrer Erfahrung geben konnten - auch in den bekanntesten Akademiestädten Düsseldorf, München, Dresden, in Paris (Colarossi) und New York, was bedeutet, dass es weniger der Lehrer Georg Müller vom Siel war, warum die Künstlerinnen nach Dötlingen reisten, sondern die Atmosphäre, die Landschaft, die anderen Künstlerinnen, die

weiblich- kollegiale Gesellschaft.

Es ist etwas anderes, im Freien unter Gleichgesinnten zu arbeiten als allein oder in einem Atelier mit einem knorrigen Meister wie Gerhard Bakenhus. Und warum nicht in Worpswede ? Da gab es doch Paula Modersohn?

Erstens stimmte das nicht, sie war 1904/5 in Paris, 2. war sie noch unbekannt und galt nach verheerenden Kritiken um 1900 als nicht erfolgreich und 3. betrieb weder sie noch jemand aus dem engeren Kreis eine Malschule in Worpswede und viertens - unter lauter namhaften Kollegen reift das eigene Talent langsamer, weil man dauernd glaubt, Rücksicht nehmen zu müssen auf die Meister, wenn man nicht ungewöhnlich durchsetzungsfähig ist.

Diese Künstlerinnen waren durchsetzungsfähig - einige waren verheiratet und hatten sich trotzdem auf den Weg nach Dötlingen machen können, was gewiss nicht so einfach wie heute war, wo sich die Ehefrau ins Auto setzt und losfährt; der Eisschrank ist voll und jeder zurück gebliebene kann sich selbst bedienen.

So fortschrittlich uns das Leben der Künstlerinnen, auch jener mit Familie - erscheint, so modern ihre Reiselust und ihr Hunger nach Ausbildung gewesen sein mag, wir sollten die Künstlerinnen nicht alle in einen Topf werfen - im bürgerlichen Sinne war ihr Leben unterschiedlicher als ihre Kunst. Vergleichen Sie die dankenswerterweise ausgehängten Biografien und zählen Sie nur die Reisen, die darin erwähnt werden, dann wissen Sie, dass die Reiselust nicht erst mit dem Wirtschaftswunder begonnen hatte. Natürlich kamen alle Künstlerinnen aus "betuchten" Familien, einige wurden sogar von den Eltern gefördert, ihr Talent zur Kunst auszuführen, andere bedauerten, nicht noch diese oder jene Station wahrnehmen zu können - es gibt einen Fall, dass eine der begabtesten Künstlerinnen aus diesem Kreis wegen der häuslichen Pflichten das Malen aufgegeben hat - Louise Droste- Roggemann.

Bleibt noch das Urteil über ihre Kunst: 1905 war ein Umbruchjahr - in Paris traten die Fauvisten um Matisse das erste Mal auf, auch die Kubisten waren am Anfang, d.h. jene Kräfte, die mit der Kunst des 19. Jhdts. Schluss machten. Wir dürfen diese Revolution nicht als Maßstab nehmen für die vielen Künstlerinnen und Künstler, die von den neuen Richtungen noch lange nichts erfahren werden. Denn auch in Paris dominierten die immer noch aktiven Impressionisten (Monet, Renoir) und Pointillisten (Seurat) bis zum Ende des Krieges und machten nur gelegentlich Platz für die ganz wenigen Neuen wie Picasso, Braque, Modigliani oder Matisse, der seine eigene Malschule unterhielt.

Davon wussten die Künstlerinnen und auch Müller vom Siel wahrscheinlich gar nichts, sie waren vorher in Paris gewesen wie Marie Stein-Ranke, sie waren geprägt vom Ethos der Malerei des 19. Jahrhunderts - es den Meistern gleich zu machen. Malen wie - war das Motto - heute lautet es genau entgegengesetzt: Seinen eigenen Weg finden, bloß nicht malen wie Rembrandt, Picasso oder Warhol.
Darum suchten die Künstlerinnen immer wieder andere Meister und Ausbildungsstätten, wo hauptsächlich technische Perfektion geübt, nicht neue Maltheorien diskutiert wurden, sondern gerade die der der Maler des 19. Jhdts.

Darum finden wir in dieser Ausstellung keinen Ausbruch in die Moderne, dafür aber perfekt gemalte Blumenstillleben und Landschaften. Die Ausstellung beschränkt sich nicht auf den engen Zeitraum um 1905, das mag ein Wunsch gewesen sein, ist aber aufgrund der Materiallage kaum realisierbar. Viele Bilder haben kein Datum; wir dürfen annehmen, dass die Künstlerinnen ihren Malstil im Laufe ihrer Lebenszeit nicht sehr stark verändert haben.

Aber auch au dieser eingeschränkten Basis sind Beobachtungen nützlich für Beurteilungen: Zum Beispiel die hervorragende Radierkunst von Marie Stein-Ranke, ihre Fähigkeit aus dem Dunkel einer starken Ätzung die klaren Formen eines Gesichts herauszuarbeiten, der Linie immer deutlicher als eine ungemein präzise Kontur Geltung zu verschaffen.

Bei Emy Rogge stoßen wir auf das Thema der Schneelandschaft, das bei anderen Künstlerinnen auch anzutreffen ist, auch bei Georg Müller vom Siel. Emy Rogge thematisiert sehr einfühlsam das Licht in der Dunkelheit eines Winterabends.

Oder nehmen Sie die Bildervielfalt der Freifrau von Schimmelmann, geborene Brunken, Magdeburger Fabrikanten-Tochter, die ziemlich geschäftstüchtig ihre Anlagen bis zu Postkarten zu vermarkten wusste. Sie scheint die einzige zu sein, die Farben von den Landschaftsformen lösen kann, d. h der Farbe einen fast eigenständigen Raum zwischen den Bäumen und Wegrändern ermöglicht.
Oder nehmen wir die Bremerin Toni Elster, die im Unterschied zu den Kolleginnen erst mit 36 Jahren zu malen begann und auf dem Wege nach München regelmäßig in Dötlingen bei ihrer Freundin Marie Stumpe Station gemacht hat. Diese hatte in Dötlingen eine Art Sommerresidenz und konnte Gäste unterbringen. Toni Elster hat in dieser Auswahl neben Landschaften auch technische Details gemalt - einen Brückenausschnitt und eine vom Sujet her wenig attraktive Hafenansicht - ein Thema, das gerade nicht mit den lieblichen Schönheiten der Lehrmeisterin Natur, der Bäume und Felder spielt, sondern mit dem Abfall der Industrie.

Ihre Freundin Marie Stumpe zeigt dagegen, wie unterschiedlich malerisch das Thema Blumenstillleben bearbeitet werden kann:
Daneben hängen die für mich vielleicht gelungensten Bilder der Ausstellung - die beiden stimmungsvollen großen Landschaften von Louise Droste-Roggemann, die in bewundernswerter Weise Stimmung durch das Licht in der Landschaft sichtbar machen konnte. Eine Bekannte des Oldenburger Malers Bernhard Winter, der 16-jährig sie im Studium in Dresden getroffen hat. Bildwidmung. Sie aber unterlag den häuslichen Pflichten.

Zu den außerordentlichen Bildern gehört schließlich der perspektivische Weg zum Meer von Hedwig Ranafier-Bulling, freilich, wie an der Signatur zu erkennen ein späteres Bild mit eigenwilliger Farbgebung - die violetten Blüten - und ein raffinierter Durchblick durch Gartenanlagen bis zum Wasser.

Und der Meister, der Lehrer selbst ? Er war kaum älter als seine "Schülerinnen", wir kennen ihn von den hervorragenden Bildnissen von Marie Stein- Ranke, eine schlanke Person mit einem träumerischen Blick in die Ferne, immerhin hatte er als Waise den Weg nach NY gefunden, dort eine Zeichenschule besucht, war in Paris gewesen und offenbar begabt genug, sein Wissen und Können weiterzugeben. Aber vermutlich war er auch depressiv veranlagt, was ihn nur wenige Jahre später nach Wehnen führte.

Es ist eine hübsche Geste, der Bildhauerin Elke Tholen die Möglichkeit zu geben, einige ihrer Figurationen von Künstlerinnen in diese Ausstellung einzubringen. Schon ihre Farben machen den Unterschied deutlich: Sie wählt die Farben nach eigener Auffassung, nicht nach der Lehrmeinung der Natur, und sie spitzt die Form nach eigenem Rhythmus zu, sodass selbst das alltägliche Material im Umfeld der Figur mehr Bedeutung zu gewinnen scheint, als auf einem banalen Schreibtisch bei uns zu Hause.

Meine Damen und Herren, genießen Sie diese Ausstellung, sie ist eine Ausstellung gegen das Vergessen; aber vergessen Sie dabei nicht, sie ist erst in unserer Zeit möglich geworden, denn ohne das unendliche, aber begrifflich geordnete Internet wäre sie wohl nicht zustande gekommen. Hier sind alle Namen verzeichnet - auch über das Stichwort "Dötlingen" hinaus. Dank des Internets geht es nicht um das Vergessen, sondern um das Nicht-Beachten, das zu vermeiden bedarf es eines Anlasses wie diese dankenswerte Ausstellung.

 
 © Dötlingen Stiftung 2017